Der Haarbürstenmörder

Eusebia Grimm saß an ihrem Schreibtisch , stützte den müden Kopf auf ihre Hände und konnte ihr Glück kaum fassen. Seit gestern hatte sie ihr eigenes Büro, zu dem sie gekommen war wie die Jungfrau zum Kinde, so kam es ihr jedenfalls vor.
Natürlich steckte harte Arbeit hinter ihrer Beförderung, und Glück.

Seit sie ihren seltsamen Ausflug im letzten Jahr gemacht hatte, von dem sie wie verwandelt wieder gekommen war, hatte man sie zuerst belächelt, denn welcher Polizist hatte schon so viel Zeit, einen Roman zu schreiben. Wenn Irina nicht gewesen wäre, hätte Eusebia das Manuskript kurzerhand in den Papierkorb geworfen und sich wieder zum Streifendienst gemeldet. Aber es gab Irina. Heute wusste Eusebia nicht mehr, wie sie die ganzen Jahre lang ohne die Freundin hatte leben können. Irina war etwa 1,80m, schlank und hatte langes blondes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte. Ihr Geschmack in puncto Mode war unübertroffen. Selten ging sie ungeschminkt aus dem Haus. Ihr Haar war immer sorgfältig frisiert, ihre Kleidung folgte modischem Chic. So war sie das genaue Gegenteil von Eusebia, die sich heute kaum im Spiegle wieder erkannte, wenn sie Irinas strenger Fürsorge endlich entronnen war.

Alles hatte etwa vor einem Jahr begonnen. Eusebia hatte sich selbst einen Wochenenddienst verordnet, um einen Diebstahl aufzuklären. Über der Arbeit war sie erschöpft eingeschlafen und am nächsten Tag durch die Geräusche der Putzfrau Irina erwacht. Auf ihrem Schreibtisch hatte sie das Manuskript eines Buches vorgefunden. Eines Buches, in dem Abenteuer beschrieben waren, die sie nur in ihren kühnsten Träumen erlebte.

Irina hatte sich des Manuskriptes und Eusebias angenommen, sie hatte Kontakt mit einem Verlag aufgenommen und Eusebia in allen PR-Angelegenheiten vertreten. Irgendwann waren sie zusammen in eine großzügige Wohnung gezogen und Eusebias Leben hatte sich von Grund auf verändert.

Irina überredete sie zu einem Friseurbesuch und ging mit ihr einkaufen. Eusebia, die sich selbst gern praktisch kleidete, fand sich plötzlich in einem sportlichen Blazer, einer knapp sitzenden Tweedhose und einem einfarbigen T-shirt wieder. Ihr Haar hatte Farbe und einen gut frisierbaren Schnitt bekommen. Die Turnschuhe tauschte sie gegen bequeme Ledermokassins und begann einen taillierten Kurzmantel zu tragen, der schon bald zu ihrem Markenzeichen wurde. Die Kollegen betrachteten sie plötzlich mit anderen Augen, man hörte ihr zu und verstand, dass das, was Eusebia sagte, Hand und Fuß hatte, dass sie intelligent und klug war. Dann kam der Tag, an dem ihr Vorgesetzter für längere Zeit erkrankte und Eusebia in dieser Zeit Fälle löste, die er zu den Akten gelegt hatte. Als man die neue Abteilung in der Kreisstadt eröffnete, bot man ihr den Abteilungsleiterposten an und Eusebia griff beherzt zu, nicht ohne an Irina zu denken, der sie bald darauf einen Job im Archiv der Polizeileitstelle verschaffte.

Nun also saß Eusebia zwischen Umzugskisten in ihrem Büro und versuchte, ihre Müdigkeit mit starkem Kaffee zu bekämpfen. Das schrille Klingeln des Telefons riss sie hoch.
"Ja? Grimm hier?"
Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung klang gehetzt, nach jedem vierten Wort holte die Person Luft, so als würde sie abgeschnitten. Eusebia hörte eine Weile zu, dann machte sie dem Durcheinander ein Ende, indem sie klare Fragen stellte, die klarer Antworten bedurften. Gleichzeitig ergriff sie einen frisch angespitzten Bleistift, um sich Notizen zu machen.
"Name?"
"Wie alt sind sie?"
"Woher rufen sie an?"
"Wo wohnen sie?"
Die Fragen gaben der Person am anderen Ende der Leitung die Möglichkeit. Luft zu holen, zu überlegen und zu antworten.
"Gut."!; sagte Eusebia. "Ich habe verstanden. Ich schicke gleich jemanden zu ihnen. Blieben sie dort und halten sie sich zu unserer Verfügung."
Das war das Gute an Eusebia, egal wie verfahren die Situation war, sie blieb die Ruhe selbst. Diese Eigenschaft war es auch, die ihre Kollegen an ihr schätzen gelernt hatten. Eusebia ließ ihren Blick in ihr Büro schweifen bis er an einer Kiste hängen blieb. Dann griff sie entschlossen zum Telefon.
"Irina? Liebes, bist du so nett und kümmerst dich um mein Büro? Ich muss zum Einsatz."
Sie hätte den Ermittlungsauftrag auch an einen anderen Kollegen abgeben können, aber die Frau am Telefon hatte zu aufgeregt geklungen und außerdem wollte Eusebia hier raus. Sie griff nach ihrer Jeansjacke, von der sie sich trotz Iirnas' Protest nicht getrennt hatte und schloss die Bürotür. Dann trat sie an den Arbeitsplatz eines junge Polizisten, der nicht länger als sie in dieser Abteilung arbeitete.
"Herr Lehmann, ihr erster Einsatz!"
Lehmann sprang dienstbeflissen auf, ergriff seine Jacke und wollte Eusebia schon folgen, da drehte sie sich um und sagte leise: "Lehmann. Wir fahren an einen Tatort. Das heißt für sie?"
"Natürlich," beeilte sich Lehmen zu sagen, "Handschuhe, Plastiktüte, Schreibkram."
Eusebia nickte zufrieden. Als sie auf dem Polizeiparkplatz ankam, warf sie Lehmann den Schlüssel zu und sagte: "Sie fahren!".
Lehmann sah sich um. Womit sollte er fahren? Er liebte schnelle Autos und freute sich wie ein kleines Kind, das auf den Weihnachtsmann wartet, auf die Fahrt.
"Der da.", sagte Eusebia und wies auf einen alten, gelb-grünen Opel Corsa, der so aussah, als hätte er mehr als eine Begegnung mit den Stoßstangen anderer Autos gehabt.
Enttäuscht schob Lehmann den Schlüssel ins Schloss. Eusebia grinste. Sie hatte sich den Kollegen nicht umsonst ausgesucht. Kaum von der Polizeischule gekommen hatte er mutige Reden geschwungen und mit seinen Fahrkünsten geprahlt. Außerdem hatte sie ihm viel an Erfahrung voraus. Die anderen Leute in der Mordabteilung wollten sie ständig belehren und davon hatte sie gehörig die Nase voll. Aber einen jungen Kollegen, Frischfleisch von der Polizeischule, den konnte sie formen.

Als Lehmann den Corsa startete, sagte Eusebia:" In die Vorstadt, die südliche. Da gibt es eine Wagenburg, lauter junge Leute, Aussteiger. Wir haben eine Leiche."
Mit Vergnügen beobachtete Eusebia wie Lehmanns Gesichtszüge entgleisten.
"Ihr Erster?", fragte sie Lehmann, der blass, ja fast grün im Gesicht war, nickte und schluckte.
"Na dann mal los! Und, Lehmann", der Polizist sah sie an. "Wir haben eine Verkehrsordnung und wir halten uns daran, verstanden?"
Lehmann nickte wieder. Die Aussicht auf eine Leiche hatte ihm die Lust, das Gaspedal des Kleinwagens durchzutreten, gründlich vergällt.
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